„Fluchtpunkt“ - Körper - Mensch - Raum

    Seit ich meine erste Kamera in den Händen hielt ist das Fotografieren ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Meine Fotografie beruht auf der Annahme, dass die Wirklichkeit verborgen ist. Die Suche nach Motiven ist die Suche nach Ordnung.             
   Die Kamera ist der Nullpunkt meiner Orientierung, zwischen mir und der Außenwelt. Die Fotografie als Aufzeichnungsmedium ermöglicht für mich eine Distanz zu dem abgebildeten Objekt, das sich als Simulation der Realität auf dem Sensor ablagert. Meine Gedanken und Absichten werden im Gestaltungsprozess über das Medium des Fotoapparats materialisiert. Er verleiht meinen Gedanken und Gefühlen Plastizität. Fotografie ist für mich die Suche nach Sinn und Bedeutsamkeit, ebenso wie das Hinterfragen einer vorgefertigten Wahrnehmung. Fotografie ist nichts anderes als erzeugte Wirklichkeit. Aber ohne Raum, keine Fotografie.
   Ich benötige viel Raum. Viele Jahre wusste ich nicht warum ich fotografiere und was die Triebfeder und Absicht hinter all dem war. Ich war durchgehend abwesend und nicht greifbar, die Leere zwischen mir und meiner Umwelt wurde zur Bildsprache. Zugleich hatte es etwas tröstendes und sinnstiftendes. Die Orte die ich besuchte waren nicht Teil der wahrnehmbaren, aufmerksamkeitserzwingenden Wirklichkeit, sondern waren still und unsichtbar, wollten entdeckt werden. Wenn ich dann allein war, an diesem Nichtort, konnte ich ganz im Moment sein.
   Der Nichtort konnte eine Verbindung schaffen, die Beziehung zu mir selbst.
Fotografieren heißt in Beziehung zu gehen, ein intimer Moment, der Raum wirkt auf den Körper und eigentlich hast du keine Kontrolle. Der Raum ist schon da und du möchtest deine Vorstellung auf ihn projezieren. Man kann den Raum nicht festhalten, oder konservieren. Es verhält sich umgekehrt. Ich trage einen Raum in mir, der mit der Außenwelt kollidiert. Mein imaginärer Raum ist nicht rational, ich kann ihn nicht berühren, sehen, oder schmecken. Mein Raum möchte sich nicht ausdehnen, und ist doch grenzenlos.
   Ich möchte eine Beziehung abbilden. Der Titel der Arbeit „Fluchtpunkt“ - Körper - Mensch - Raum, ist der Versuch, die Vorstellung von Raum neu zu definieren.
 Wir erfahren die Welt durch Bilder. Da meine Fotografien subjektive Fragmente einer Realität sind und das Phänomen des Raums sich der beobachtenden Kamera geradezu entzieht, bleibt mir  nur den Raum in seinem Wesen als ein Abwesenheitsabbild zu beschreiben. Die sinnliche Zuwendung für den Zwischenraum ist auf Wahrnehmungsinseln beschränkt. Von diesen Inseln werden potenzielle Ziele erschlossen, z.B. Wohnen - Arbeit. Ziele, die nicht an die Infrastruktur angeschlossen sind, können nicht wahrgenommen werden und sind folglich nicht existent. Ich möchte also am Beispiel der Wahrnehmungsproblematik den Raum ursprünglich durchlaufen, wahrnehmen und bewusst machen. Ich möchte die Ozeane zwischen diesen Wahrnehmungsinseln trocken legen und mich mit der Angst vor der Unendlichkeit des Raums konfrontieren. Ich möchte die Trennung zwischen mir und dem Raum aufheben. Ich möchte mich im Raum bewegen, und die Grenzen einreisen, die ich konstruiert habe. Den unbewussten Raum zu durchschreiten, die Unendlichkeit zu berühren. Ziel ist es eine Austellung zu machen, die die Thematik des Raums mit anderen teilt. Meine Fotografien sollen von den Gedanken und Gefühlen anderer erfüllt werden und eine kollektive Bewusstwerdung für den Raum erzeugen. Die Besucher sollen mit der Arbeit interagieren und gemeinsam einen Raum finden, indem innen und außen versöhnt werden.


Parkplatz - Ein Nichtort

   Die Vision der autogerechten Stadt hat sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof eine eigene Ordnung geschaffen. Zentral gelegen erschließt das Parkhaus die nah gelegene Innenstadt. Die Beschleunigung der autogerechten Stadt trifft hier auf wehrhafte Mauern und Decken aus Stahlbeton. In diesem Komplex aus Parkgeschossen, Treppenhäusern, Fahrstühlen und Fahrbahnen kommt die Mobilität zur Ruhe und zum zeitweiligen Stillstand. Auf dem obersten Deck jedoch stellt sich eine seltsame und unbekannte Ahnung ein, denn schon lange parken hier keine Automobile mehr. Das Parkdeck, das dem Boden seine Funktion eingeschrieben hat, wird nun von Staub und Erde bedeckt auf der sich Pionierpflanzen ansiedeln.
    Das Parkdeck ist ein Ort ohne Namen, Identität, oder Funktion. Grün schillernde Scherben, alte Plastikflaschen und die leblosen Fassaden des umliegenden Bertha von Suttner Platzes umschreiben die Zukunft dieses Ortes. Der Stillstand für den dieser Ort steht, manifestiert sich in der Infrastruktur. Die Fassade des Parkhauses  und der umliegenden Gebäude des Bertha von Suttner Platzes geben Auskunft über die Funktion des Raums.  Die Vielfalt findet sich an anderen Orten der Stadt wieder. Der Bertha von Suttner Platz ist Transit,- und Verwaltungsraum und die umliegenden Gebäude erfüllen ihre monofunktionalen Aufgaben. Als Besucher wird man mit der subversiven Macht der Raumführung konfrontiert. Der Körper wird gleichsam gezwungen den Raum und seine Grenzen zu erfahren und sich einen Ausweg aus diesem verwirrenden und unwirtlichen Raum zu suchen. Die Vorstellung den Raum neu zu definieren und bestimmte Eigenschaften auf diesen zu projezieren, scheiterte an der Vielfalt der Gesellschaft. Denn diese ist keine homogene, funktionale Masse die sich in Beton gießen lässt.
   Neben der unmittelbaren Leere dieses Ortes sind die Grenzen relativ unsichtbar. Denn die Ströme die von der Infrastruktur ausgehen, kommen als Wellen in den unteren Parkgeschossen an. Die Flut der Mobilität scheint sich aber auf dem obersten Parkdeck an Kraft zu verlieren und gänzlich zu versiegen. Ähnlich wie ein mächtiger Strom, der seine Energie allmählich verliert, wird die Energie der Mobilität durch neue Kanäle, Wasserstraßen und Bäche geleitet. Zwar ist das Automobil am Zenit seiner Macht, aber zu welchem Preis?
   Die Präsenz des Automobils in der Gegenwart, das den städtischen Raum für sich beansprucht, wird an diesem symbolischen und charakteristischen Ort aufgehoben. Ein paradox anmutender Zustand der keinen klaren Standpunkt zu vermitteln vermag. Zwischen glorreicher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist dieser Ort eine Möglichkeit einen ausgedehnten und einzigartigen Moment zu vollziehen, in dem die Stadt wieder dem Menschen gehört.

- Neben dem Hauptbahnhof habe ich einige Parkhäuser und Parkplätze in den nahgelegenen Stadtteilen dokumentiert -

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